Barwagen 371

Schweizer Wagen in neuer Heimat

Unser Barwagen 371 stammt ursprünglich aus der Schweiz von der meterspurigen SZB (Solothurn-Zollikofen-Bern-Bahn) und wurde dort im Vorortverkehr von Bern eingesetzt. Nach mehreren Umbauten wurde aus einem Post- und Gepäckwagen der heutige Barwagen, welcher schließlich 1986 zur Jagsttalbahn kam. Er konnte allerdings leider nicht mehr rechtzeitig fertiggestellt werden, um noch im Museumsverkehr eingesetzt werden zu können. Nichtsdestotrotz wird er auf unserer künftigen Museumstrecke oder auch an Bahnhofstagen sicherlich gute Dienste leisten und Besucher in historischem Ambiente mit Speis und Trank versorgen.

Vermutlich 1986 steht der frisch zur Jagsttalbahn gekommene Wagen 371 in Dörzbach. Noch trägt er seine schweizer Anschriften und Farbgebung.
Bild: Alfons Roth

Lebenslauf:

1916:

 
Der Wagen wird von der SIG (schweizerische Industrie-Gesellschaft, Neuhausen) als Post- und Gepäckwagen erbaut und mit der Betriebsnummer 93 bei der ESB (Elektrische Schmalspurbahn Solothurn-Bern) in Betrieb genommen.
 
1922:
 
Fusion der ESB und der BZB (Bern-Zolikofen-Bahn) zur SZB (Solothurn-Zolikofen-Bahn, heute RBS = Regionalverkehr Bern - Solothurn). Umbau des Wagens zum reinen Gepäckwagen.
 
1931:

 
Umbau zu einem Personenwagen III. Klasse mit der Betriebsnummer 80. Der zweiachsige Wagen ist in klassicher Weise auf einem stählernen Rahmen in Holz-Fachwerkbauweise erstellt. Die Seitenwände sind außen mit Blech verkleidet. Die sechs Fenster je Seite sind rahmenlose Versenkfenster typisch schweizerischer Bauart.
 
1973:

 
Für den Einsatz in historischen Zügen wurde in ein Abteil eine kleine, einfach ausgestattete Bar eingebaut, während das andere als Gastraum dient. Dort bekamen die Sitzgarnituren zusätzlich einfache Tische, die fest im Wagen verankert sind.
 
1974:
 
Umzeichnung in Nr. 362
 
1978:
 
Umzeichnung in Nr. 371
 
1986:


 
Der Wagen wird vom Jagsttalbahnfreunde e.V. erworben und nach Dörzbach transportiert. Bei der badischen Lokomotivfabrik Gmeinder (Mosbach) werden für den ursrünglich meterspurigen Wagen neue Radsätze für die Spurweite 750 mm beschafft. Auch wird er mit einer passenden Druckluftbremse ausgestattet. Wegen der Betriebseinstellung der Jagsttalbahn Ende 1988, konnte der nicht ganz fertiggestellte Wagen nicht mehr zum Einsatz kommen.
 
1991:
 
Weitere Aufarbeitung bei der MaLoWa Bahnwerkstatt in Benndorf, danach Einsatz für die Dauer der Frist bei der Mansfelder Bergwerksbahn (bis 2000). Dort war er unter der Nummer 0040 eingereiht.
 
2001:
 
Rückkehr in das Jagsttal und Abstellung in Bieringen.
 
2009:
 
Transport des Wagens nach Dörzbach.
 
2010:Beginn der Aufarbeitung.
06.11.2021:Abnahme der Hauptuntersuchung.


Aufarbeitung

Da der Wagen bis zur Jahrtausendwende noch bei der Mansfelder Bergwerksbahn im Einsatz war und optischen noch einen recht guten Eindruck machte, bestand die Hoffnung ihn mit überschaubarem Aufwand aufarbeiten zu können. Außerdem ist ein Barwagen sicherlich eine Bereicherung für einen Museumszug und so wurde der 371 als Wagenprojekt ausgewählt.
Nach der Demontage von Verkleidungen, Anbauteilen und insbesondere der Außenverkleidung stellte sich dann aber leider heraus, dass viele der Holzbalken des Wagenkastens doch marode sind und ersetzt werden müssen. Hierzu musste erst einmal der Wagenkasten vermessen werden, um Zeichnungen zu erstellen. Anschließend wurde der Wagenkasten zur Sanierung vom Fahrgestell gehoben. Nachdem alle Anbauteile, wie Bremse und Achsen vom Rahmen abgebaut waren, wurde dieser sandgestrahlt und lackiert. Währenddessen wurde auch fleißig am Wagenkasten gearbeitet. Hier hatte sich leider gezeigt, dass so viele der Holzbalken zu ersetzen sind, dass bis auf das Dach ein fast neuer Wagenkasten gebaut werden musste. Diese mühselige Arbeit dauerte bis Anfang 2013, als dann das Wagenkasten-Gerippe wieder auf das Fahrgestell gesetzt werden konnte. Nun wurde die Bremsanlage überarbeitet und wieder eingebaut, die Zug- und Stoßvorrichtung kontrolliert und natürlich viele Kleinigkeiten Stück für Stück erledigt. Nachdem auch die komplette Decke geschliffen und neu gestrichen war, konnten im Dezember 2014 die ersten frisch lackierten Bleche der Außenverkleidung angeschraubt werden. Als wichtiger Schritt erhielt der Wagen 2017 ein neues Blechdach, dass den Wagen hoffentlich lange gegen Feuchtigkeit von oben schützen wird. Weiter wurden alle Sitzbänke geschliffen und eingelassen, sowie 2018 die Fenster montiert. Inzwischen war die Montage der hölzernen Innenverkleidungen großteils erledigt und es konnte die neue Bar eingebaut werden, denn was wäre schließlich ein Barwagen ohne einer solchen!
Im Zuge der Aufarbeitung wurde auch gleich die komplette Elektrik erneuert, was auch deshalb nötig war, weil noch textilummantelte Leitungen verlegt waren. Schließlich waren auch der neue gut abwischbare Bodenbelag eingebaut und die Bühnen mit ihren Gittern und Anbauteilen komplettiert. 2020 wurden die Beschriftungen angebracht, und noch ein paar Restarbeiten erledigt. Anfang November 2021 konnte die Abnahme des Wagens erfolgen und somit die Aufarbeitung abgeschlossen werden.

Um Wagenkasten und Rahmen gut bearbeiten zu können, wurden diese voneinander getrennt.
Bild: Stefan Haag

Das aufgearbeitete Wagenkastengerippe steht 2013 wieder auf dem neu lackierten Rahmen.
Bild: Anselm Erdmann

Die ersten frisch lackierten Bleche der Außenverkleidung werden Ende 2014 angebracht.
Bild: Christian Schmidt

Die frisch aufgearbeitete Inneneinrichtung.