Geschichten von der Jagsttalbahn

Geschichten und Anekdoten aus Betriebszeiten

Titelbild: Oliver Haug

Im Laufe der fast 90 Jahre Betrieb auf der Jagsttalban gab es viele große Ereignisse und kleine Anekdoten. Diese sollen hier einmal zusammengefasst werden.

Brezellieferung

Lange Jahre belieferte die Bäckerei Ebert den Ort Laibach. Eines Tages nun war Bäckermeister Fritz Ebert wieder mal mit einem Auto voll Brot dorthin unterwegs. Am Klepsauer Bahnübergang Richtung Laibach sah er den „Mittagszug“ von unten herauf kommen. Vorschriftsmäßig hielt er vor dem „Andreaskreuz“ an. Doch er tat noch mehr: Er nahm zwei Brezeln vom Korb, stieg aus dem Auto aus und stellte sich – mit beiden Brezeln in den Händen winkend – an den Bahnübergang. Ein kurzer >Pfiff<, und Triebwagenführer Artur Maier brachte den Zug zum stehen. Lachend nahmen er und sein Zugbegleiter Karl Rössler die Brezeln als willkommenes Zwischenvesper entgegen. Ein kurzer >Pfiff<, und der Zug setzte die paar letzten wenigen Kilometer seine Heimreise fort. 

Eine dritte Brezel bekam dann auch noch der LKW-Fahrer vom Laibacher Steinbruch, der mit einer Fuhre voll Schotter lachend vor dem blockierten Bahnübergang gewartet hat, bis der Zug sich wieder in Bewegung setzte. 

Der Verfasser hofft, dass dies kein „gefährlicher Eingriff in den Eisenbahnverkehr“ war. Und außerdem ist das ganze Geschehen schon längst verjährt. Doch wie sagt das Dichterwort: 

Die Erinnerung ist das einzige Paradies aus dem wir nicht vertrieben werden können!“ 

 

Kinderlandverschickung

„Es war einmal ...“ - so beginnen alle Märchen. Als ich aber am 06.08.2011 mit meiner Frau von Jagsthausen in Richtung Widdern über die alten Gleise des Bemberle durch den Laubwaldtunnel wanderte, kamen meine Erinnerungen, die über 70 Jahre zurück lagen, plötzlich zurück. Wie das Aufblitzen der Jagst zwischen den Bäumen, so konnte ich feststellen: „Es war einmal.“ 

Ein durch Bombenhagel in Dortmund verunsicherter Junge hatte im Jagsttal eine Bleibe gefunden und er fuhr mit dem Bemberle und den Buben aus dem Jagsttal, Olnhausen und Widdern nach Möckmühl zur Schule. Es gab dabei viel Zeit, die Schularbeiten gemeinsam zu machen oder sich gegenseitig abzuhören. Die Zuggeschwindigkeit wurde aber oft am Nachmittag unterboten, wenn mit einem Ochsengespann Zuckerrüben zum Bahnhof gefahren wurden, um dort per Hand in die großen Eisenbahnwagen verladen zu werden. Wegen der großen Spurbreite der normalen Güterwagen waren diese auf Schmalspurgestellen aufgebockt. Ähnlich wurde im Winter Holz aus dem Wald auf die Eisenbahnwagen verladen. 

Diese schönen Erinnerungen wurden jäh gestört, als wir an einen Streckenabschnitt kamen, wo einige Schwellen verfault und verrottet waren. Plötzlich war der Krieg Anfang 1945 wieder gegenwärtig. Die deutschen Soldaten hatten sich längs der Bahnstrecke in Schützengräben eingegraben, um von dort aus die Straße zu kontrollieren. Sie hatten auch Bahnschwellen quer auf die Schienen gelegt, um ihren Schutz zu erhöhen. Wir Buben sind zwischen den Fronten hin und her gelaufen und ich musste miterleben - im Gebüsch des Brandhölzles liegend - wie die Jabos (Jagdbomber) den Bahnhof Möckmühl angriffen und die Eisenbahnbrücke trafen. Da ich Bombenangriffe kannte, konnte ich meine Klassenkameraden trösten. Aber als wir einige Tage später zwei tote deutsche Soldaten im Schützengraben zwischen Ruchsen und Widdern neben der Bahnstrecke fanden, haben alle verstanden, das ist kein Spiel mehr. Wir haben dies dem Pfarrer von Ruchsen gemeldet und mit ihm die Soldaten während der Kampfhandlungen neben der Bahnstrecke beerdigt. 

Alles dies war tief in mir verschüttet, als ich in Gedanken verloren, mit meiner Frau zum Bahnhof Jagsthausen zurückkam. In der Hand zwei Gleisschrauben, die ich unterwegs aus einer verfaulten Schwelle gelöst hatte. Meine Frau stand abseits, als ich versuchte, zugewachsene Weichen zu bewegen, sprach mich ein junger Mann an, der damit beschäftigt war, die Rückeroberung der Natur über die Eisenbahntechnik einzudämmen. Er stellte sich als Eigentümer des Bahnhofs in Jagsthaussen vor. Im Gespräch erfuhr ich, dass durch ein Veto der Bevölkerung die weitere Inbetriebnahme des Bemberle abgelehnt wurde. Wie konnte so etwa geschehen! Ist die heutige Jugend nicht in der Lage, altes Kulturgut zu erhalten und zu konservieren, genauso wie man alte Bauernhöfe erhält und betreibt? So sollte das Bemberle Zeugnis von der 100 Jahre alten Industriekultur des Jagsttals ablegen und zwar jetzt! Und nicht, wenn in 1.000 Jahren bei Ausgrabungen Schienenfragmente gefunden werden. Ich habe die Hoffnung, dass die Bevölkerung des Jagsttals sich ändert und nicht nur nach einem materiellen Nutzen fragt. Das Jagsttal braucht sein Bemberle in Funktion und nicht als Märchen. 

„Es war einmal ...“ - Ich danke Gott, dass ich als Junge während des Krieges im Jagsttal sein durfte, obwohl ich aus meiner Erinnerung heraus auch viel Heimweh hatte. Das Bemberle gehört zu meinen prägenden Jugenderinnerungen. 

Winfried & Helga Withöft, Dortmund 

 

Urlaubsort Dörzbach 1906

Im "Kocher- und Jagstboten" erschien 1906 ein Zeitungsartikel, der beschreibt, wie "viele Touristen und Sommerfrischler" ihren Urlaub in Dörzbach verbracht haben: 

"In dieser Saison waren wieder in einigen Gasthöfen viele Touristen und Sommerfrischler aus Württemberg, Baden, Bayern, aus Norddeutschland (Bremen), Australien, Neuseeland und England, teils einzeln, teils mit Familien anwesend. Unser Ort übt eine stets wachsende Anziehungskraft auf die Fremden aus durch seine in nächster Nähe gelegenen prächtigen Buchen- und Fichtenwälder mit schönen Spazierwegen und Ruhebänken. Besondere Anziehungskraft übt auch die so malerisch an prächtiger Tuffsteinwand gelegene alte St. Wendelskapelle aus, zumal in der heißen Sommerzeit als schattenspendendes Plätzchen, so recht zum Ausruhen geeignet. Dörzbach hat trotz seiner idyllischen und weltentrückten Lage Eisenbahnverbindung, Wasserleitung, elektrische Häuser- und Straßenbeleuchtung und bietet mit seinen guten Gasthäusern einen angenehmen Aufenthalt und alle Bequemlichkeiten einer Stadt."

 

Krieg und Frieden

Am 14. Dezember 1945 hat die Jagsttalbahn, 8 Monate nach Kriegsende, ihren fahrplanmäßigen Betrieb nach Möckmühl wieder aufgenommen. Hier daher ein Rückblick in eine bewegte Zeit...

Im amtlichen Fahrplan von Dezember 1945 wird vermeldet: "Der Eisenbahnbetrieb nach und von Dörzbach - Möckmühl (Züttlinger Überweg) wurde wieder aufgenommen. Es wird vorläufig der Personen-, Gepäck-, Expreßgut- und Stückgutverkehr auf vorbezeichneter Strecke durchgeführt ... die Personen müssen den Weg vom Züttlinger Überweg bis Bahnhof Möckmühl zu Fuß zurücklegen, während die Güter durch einen Spediteur umgeladen und von und nach dem Bahnhof Möckmühl gebracht werden!" Die Eisenbahnbrücke in Möckmühl war nach ihrer Sprengung noch nicht wieder benutzbar, während die von Winzenhofen bereits wieder hergestellt war! Der erste fahrplanmäßige Zug fuhr am 14. Dezember 1945 um 3.30 Uhr in Dörzbach ab und war um 5.43 Uhr in Möckmühl. Der Gegenzug verließ Möckmühl um 8.50 Uhr und kam um 11.12 Uhr in Dörzbach an. Die Zeit des zweiten Weltkrieges ging auch an der Jagsttalbahn nicht spurlos vorüber, wie zahlreiche Schriftstücke in den Archiven belegen: Mit Schreiben vom 10. Juni 1942 wurde vom Reichsbahn-Verkehrsamt Heilbronn an das Landratsamt in Künzelsau und an die Bürgermeisterämter der Jagsttalbahn-Anliegergemeinden verfügt, dass ausländische Fremdarbeiter zum beschleunigten Be- und Entladen heranzuziehen sind. Es sind dazu Arbeitskolonnen bereitzustellen, nötigenfalls in Form einer "Notdienst-Verpflichtung"! Mit der "Durchführung des Betriebes bei Fliegeralarm" und dem "Ausschlacken der Lokomotiven" befaßt sich ein Schreiben vom Februar 1944: Das Reichsverkehrsministerium gab bekannt, dass "...bei Fliegeralarm das Ausschlacken der Lokomotiven in den Bahnbetriebswerken eingestellt ..." wird. Und "...daß der nicht zu vermeidende Lichtschein glühender Schlacken durch sofortiges Ablöschen eingenebelt wird. Ausländische Arbeiter sind hierbei durch einen deutschen Bediensteten zu beaufsichtigen." (Angst vor Sabotage) "Für zerstreutes Aufstellen der Lokomotiven ist nach wie vor zu sorgen." 

Nach dem Kriege ging es vor allem darum, die erlittenen Schäden zu erfassen und zu beheben, damit möglichst bald wieder ein geregelter Zugverkehr stattfinden konnte. Bereits zwei Monate nach Kriegsende richtete die Bahnverwaltung Dörzbach ein Schreiben an die amerikanische Militärregierung in Künzelsau, betreffs "Instandsetzung der Nebenbahn Möckmühl-Dörzbach" (Datum 16. Juli 1945). Darin wird der Zustand der Betriebsmittel gemeldet: 3 Lok mit 14,5 to und 1 Lok mit 24 to betriebsfähig bzw. in Revision. Von acht Personenwagen ist einer durch Kriegswirkung zerstört; von 2 Post- und Gepäckwagen ist ebenfalls einer zerstört; dazu kommen noch 26 verschiedene Geräte- und Güterwagen, die auch teilweise "erheblich beschädigt" sind. Auf 39,1 km Schienenweg ist die Gleisanlage mehrfach zerschossen, gesprengt und verschoben; Eisenbahnschienen sind teilweise entwendet und fehlen auf offener Strecke. Bei der Winzenhofener Jagstbrücke ist das 2. Joch gesprengt und bei der Möckmühler das 1. Joch. Die gesprengten Brückenteile liegen in der Jagst. Die Brückenbaufirma Mehne in Heilbronn machte einen Kostenvoranschlag für beide Brücken in Höhe von 50.000,- RM. "Die Instandsetzung der Gleisanlagen wird ca. 4 Wochen dauern (!)." Von den Bahnhofsgebäuden sind Klepsau, Gommersdorf, Marlach, Winzenhofen, Westernhausen, Berlichingen, Olnhausen und Ruchsen mehr oder weniger beschädigt. "Insbesondere sind die Inneneinrichtungen zertrümmert" Insgesamt 9 Fernsprechapparate sind zerstört. Die Freileitung der Fernsprechanlage ist mehrfach zerschossen und unbrauchbar. Um die Fernsprechleitung der Jagsttalbahn wieder instandsetzen zu können, richtet die Bahnverwaltung im Juli 1945 ein Schreiben "An den Herrn Landrat Künzelsau", weil amerikanische Truppen die Leitungsmasten der Jagsttalbahn für eigene Telefonleitungen benutzt haben. Bei der Entfernung durch die Bahnmeisterei Bieringen könnten sich aber "Anstände" ergeben... Ebenfalls im Juli 1945 wird um eine "Räumung der Bahnhofsgebäude in Dörzbach und Krautheim" ersucht; amerikanische Truppen halten diese noch besetzt. Es wird geklagt: "Von der Besatzung sind aus den Schränken ... Vordrucke und Fahrkarten herausgenommen und in einem Personenwagen bzw Lagerraum durcheinandergeworfen worden." Nachdem diese Hürden genommen waren, konnte am 14. Dezember der fahrplanmäßige Jagsttalbahn-Zugverkehr wieder aufgenommen werden!

Aus dem Archiv geholt von Fritz Ebert, Dörzbac

 

En Hoosch überfährt koan Hoosch

Es war an einem Tag im Spätherbst. Ein langer Zuckerrüben-Güterzug fuhr schwer beladen mit einem Dutzend auf Rollschemel aufgebockten großen DB-Güterwagen jagsttal abwärts seinem Bestimmungsort Möckmühl zu. Lokomotivführer Hubert Haas aus Rengershausen steuerte das „Jagsttalbahn-Krokodil“ – die beiden zusammengekoppelten Dieselloks mit insgesamt 360 PS. Zugbegleiter und somit zweiter Mann auf der Lok war an dem Tag der Betriebsleiter Hermann Braun selber. Auf der Gefällstrecke zwischen Jagsthausen und Olnhausen sprang plötzlich ein Hase zwischen die Schienen und rannte vor dem herannahenden Güterzug her. Der Hase machte keinerlei Anstalten aus den Schienen wieder herauszuspringen, und der Abstand zwischen ihm und dem herannahenden Güterzug verringerte sich immer mehr. Ob es nun pure Tierliebe war oder auch eine Art von Seelenverwandtschaft, bleibt offen. Jedenfalls sagte der Lokomotivführer in schönstem Rengershäuser Hohenlohisch: „En Hoosch überfährt koan Hoosch!“ Und er bremste die rund 500 Tonnen ab, die er insgesamt am Zughaken hatte, und fuhr langsam dem - zwischen den Schienen rennenden - Hasen hinterher. Nach ein paar hundert Metern kreuzte zum Glück ein Feldweg die Jagsttalbahnschienen. Der Hase konnte an diesem „Bahnübergang“ aus dem Gleisbett heraus springen und ins schützende Gebüsch Zuflucht nehmen. Somit hat ein zweibeiniger Haas einem vierbeinigen Hasen das Leben gerettet, und die paar hundert Tonnen Zuckerrüben kamen ebenfalls noch rechtzeitig, wohlbehalten am Möckmühler Bahnhof an!