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Nummer 303 lebt!



Der Bürgermeister erklärt den Diesel


Der alte DEUTZ: Unkaputtbar.


Rangieren (noch) mit Muskelkraft.


Die Luft ist dieselrußgeschwängert...


Herr Stolz gibt Gas...

von Harald Hechler

 

Es ist ein kalter, dunstiger Morgen, als ich mich einmal mehr auf dem Weg durch das Jagsttal befinde. Wie immer habe ich Möckmühl verdientermaßen links liegen gelassen und bin in Widdern das erste Mal auf das Bähnle getroffen, das noch immer auf seine Wiedereröffnung wartet. Inzwischen kenne ich die Strecke im Schlaf, es ist ein bißchen wie nach Hause kommen. Widdern, Jagsthausen, Berlichingen, Schöntal... immer wieder erscheint die Schmalspurbahn links und rechts der Straße, kreuzt sie von Zeit zu Zeit.

 

Am Bahnhof in Dörzbach empfängt mich der Dörzbacher Bürgermeister, unser Vorstandsmitglied Willi Schmitt, und stellt mir Herrn Stolz vor, der lange Jahre als Werkmeister auf dem Bemberle gearbeitet hat, bevor er dann zur Buswerkstatt wechselte. Er kennt die Fahrzeuge gut, die im Schuppen stehen - heute wirken sie bei der Januarkälte noch etwas lebloser als sonst. Aber das soll sich ja jetzt ändern.

 

Inzwischen treffen immer mehr Helfer ein, denn heute, am 15. Januar 2000, ist ein wichtiger Tag: Nach zwölf Jahren der Zwangsruhepause soll der Motor des Triebwagens VT 303 zum ersten Mal wieder angelassen werden. Schließlich soll der VT 303 den Bauzug nach Krautheim übernehmen, der sich in diesem Jahr in Bewegung setzen soll. Eigentlich ist die Stimmung eher gedrückt an diesem Morgen.

Die Verhandlungen um die Strecke sind wieder einmal an einem schwierigen Punkt angelangt. Ursprünglich wollten wir versuchen, den VT vor den Lokschuppen zu bewegen, um eine einfachere Schadensaufnahme für die notwendige Hauptuntersuchung durchführen zu können. Aber leider hat man uns noch einmal ausdrücklich jede Rangierbewegung untersagt, bevor nicht die letzten offenen Fragen geklärt sind.

"Dann müssen wir es eben im Schuppen versuchen!" meint Wolfgang Kissel, der Initiator des Treffens an diesem Samstag im Januar. Ganz Mann der Tat streift er sich seinen Monteursoverall über und verschafft sich einen Überblick über die Situation: Vor dem VT steht die V 22-03, der "Stoppelhopser".

Zwar steht der VT über der Untersuchungsgrube, aber die ist leider abgedeckt, sodaß eine Untersuchung des Wagenbodens nicht möglich ist. Um die Bretter zu entfernen, muß der Stoppelhopser mit Muskelkraft ein Stück nach vorn geschoben werden, der VT wird auf die gleiche Art etwas zurückgedrückt.

Die erste Besichtigung von unten ergibt keine besonderen Unregelmäßigkeiten. Obgleich ich heute nur als Beobachter fungieren kann, lasse ich es mir nicht nehmen, die beiden Sitzbänke wegzuklappen, die den Motor freigeben. Ein guter alter Achtzylinder-Deutz-Diesel. Luftgekühlt und mit dem Ruf der Unzerstörbarkeit ausgestattet. Herr Stolz, eben noch skeptisch, taut zusehends auf.

Er macht einen Vorschlag: Wir drehen den Motor mit dem Anlasser durch. Wenn er dabei keine kranken Geräusche macht, versuchen wir, ihn anzuwerfen.(Obwohl er uns wenig Hoffnung macht...)

 

Die nächste Stunde ist von fieberhafter Geschäftigkeit geprägt. Wolfgang Kissel bastelt einen Ersatz für die verschwundene Batteriebrückenklemme (die kurz darauf aus derTiefe des Batteriekastens wieder auftaucht), mehrmals werden "fliegende Boten" zum Landmaschinenhandel auf der anderen Straßenseite geschickt, um benötigte Teile (und schließlich auch noch zwei Leihbatterien) zu organisieren... ...der Bürgermeister - seines Zeichens Landmaschinenmechanikermeister - erklärt den Umstehenden verschiedene Teile des Diesels: "Dieselpumpe, Einspritzleitungen, Ventildeckel, Ölpumpe..." und ihre Funktion.

Endlich, der große Moment. Eine andächtige Stille kehrt ein, als Herr Stolz den (eben noch schnell bei unserem "Hoflieferanten" auf der anderen Straßenseite besorgten) Zündungsschalterdorn einsteckt und den Anlasserknopf betätigt.

Der mächtige Achtzylinder dreht sauber durch. Die in gespannter Lauschposition auf dem Motor hockenden Herren Kissel und Schmitt bescheinigen "keine akustischen Unregelmäßigkeiten!" Also werden, Schritt zwei, die Entlüftungsschrauben gelöst und mit der Handpumpe an der Kraftstoffpumpe solange geackert, bis Diesel aus den Entlüftungen tritt.

Die nun eintretende Stille ist noch eine Spur gespannter... Vorglühen, Anlasser betätigen. Der Motor wird vom Anlasser durchgedreht, macht aber keine Anstalten, von selbst zu laufen. "Kein Wunder, nach fast zwölf Jahren und ohne Ölwechsel..." denke ich bei mir, doch da gibt der Motor beim zweiten Anlauf einen deutlich vernehmbaren und garnicht asthmatischen Huster von sich. Wolfgang Kissel ergreift die Initiative und hilft mit der Handpumpe nach - bei jedem Pumpenhub macht der Motor ein paar Takte, ehe er schließlich mit einem letzten Räuspern zum Leben erwacht.

Aus dem Auspuff kommt eine dicke, schwarze Rauchwolke, dann bläst er sich frei. Er läuft rund. So, als sei er gestern bei Deutz vom Band gelaufen. Er nimmt sofort Gas an, die Abgase werden immer sauberer - Nummer 303 lebt!

 

Der Augenblick ist unbeschreiblich. Zehn teilweise inzwischen leicht verölte, aber glückliche Gestalten grinsen um die Wette wie Honigkuchenpferde auf Speed und für einen Moment ist die Welt absolut in Ordnung. Im Geiste sind wir jetzt schon unterwegs (stünde da nicht der "Stoppelhopser" und die unklare Gleislage im Weg) bis ans Ende der Welt - das für uns zwar kurz hinter Widdern läge, aber egal!

Der Diesel brüllt sein Lied in den eisigen Morgen, selbst die Sonne hat es vernommen und bahnt sich einen Weg durch den Hochnebel. Zwei SWEG-Busfahrer vergessen ihre Arbeit für einen Moment und lugen neugierig auf der linken Seite durch das offene Schuppentor, während auf der rechten Seite die Landmaschinentechniker von der anderen Straßenseite herübergestapft kommen.

Durch die geöffnete Motorhaube ist der Lärm im Inneren des Triebwagens enorm, aber keiner braucht jetzt ein Wort zu verlieren. An diesem Morgen sind wir die Herren des Tales. Ein emotionsloser Mensch würde jetzt sagen "Nun, der Diesel ist halt angesprungen, schön, aber das ist ja keine große Sache...", aber in diesem Moment ist kein emotionsloser Mensch da, nur wir hoffnungslosen Fälle. Und für jene, die wie wir die traurige Geschichte des "Bemberle" in- und auswendig kennen, ist es wie ein Wunder.

Auch Hermann Schlotzhauer, der hier einst seine Lehrzeit verbrachte und es dann bei der AVG bis zum Eisenbahnoberamtsrat brachte, ist seine freudige Verblüffung deutlich anzusehen. Wir haben ihn als Berater eingeladen, er ist als alter Jagsttalbahnfreund gerne gekommen und betritt just in diesem Moment den Lokschuppen. Noch eine ganze Weile brummt der große Diesel, die Fachleute testen das eine oder andere (baut der Kompressor Druck auf?) und stellen den alten Kölner dann ab.

 

Jetzt herrscht wieder eine leicht dieselrußgeschwängerte Ruhe im Schuppen - aber nicht mehr die Friedhofsruhe von neun Uhr morgens. Nachdem das allgemeine Schulterklopfen beendet ist, beschließen wir, uns über einen Teil unser restlichen Gulaschsuppendosen herzumachen, die seit dem letzten Fest im Triebwagen gelagert sind. Eigentlich wollte ich um zwölf, vielleicht halb eins Richtung Hallendampftreffen Sinsheim abdüsen. So gegen vierzehn Uhr dreißig bin ich schließlich unterwegs...



Zuletzt bearbeitet:  16:34 31/05 2005


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